"Das andere China:
Begegnungen in Zeiten des Umbruchs"
Andreas LORENZ & Jutta LIETSCH
Inhalt
China: Das sind scheinbar ungehemmtes Wirtschaftswachstum und faszinierende Kulturstätten. Doch was steckt eigentlich hinter dem gut polierten Image? "Das andere China" berichtet von Wanderarbeitern, traditionsreichen Straßen, die mal eben umstrukturiert werden, von Jugend und Überalterung, Religion und Pionieren des Wandels. Im Reportagestil werden so allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen verdeutlicht und zu einem aktuellen Chinabild zusammengesetzt.
Kommentar
Es gibt ja bereits so einige Publikationen zu China, die sich zum Ziel gesetzt haben, ein aktuelles Bild der chinesischen Gesellschaft zu skizzieren. "Das andere China" ist ein positives Beispiel dafür, wie man am Image des Wirtschaftswunderlands und Olympiaausstatters kratzen kann, ohne dabei mit der pädagogischen Keule um sich zu schlagen. Eine Mischung aus informativen Reportagen, privaten Erlebnisberichten und realistischen Einschätzungen macht "Das andere China" zu einem lesenswerten Kleinod, zwischen all den Publikationen, die vollgestopft sind mit Klischees. Schade ist jedoch, dass es dem Buch stellenweise an einer genauen Einordnung fehlt (z.B. Stichwort Devisenreserven). Die Fakten sind oft zu willkürlich gewählt und zu strukturiert eingesetzt. Das wirkt das dann so wie ein Grundkurs journalistisches Schreiben. Zudem fehlt den Texten Farbe, lebendige Skizzen, die über eine bloße Beschreibung hinausgehen. Zudem wäre ein breiteres Spektrum an Themen wünschenswert gewesen. Zurück also zum Grundkurs. Dennoch bietet "Das andere China" eine gute Auswahl an informativen Geschichten, die einen realistischen Blick hinter den gut behüteten Bambusvorhang gestatten – wenn auch sicherlich nur einen kleinen…
Auszug
Die Journalisten dürfen nicht an den Grundfesten der Einparteien-Herrschaft rütteln. Über Themen, die von der Partei als besonders
wichtig eingeschätzt werden, hat die Propagandabehörde, die sich auf Englisch neuerdings "Amt für
Öffentlichkeitsarbeit" nennt, das Berichtsmonopol. Die Redaktionen müssen in solchen Fällen von der staatlichen
Nachrichtenagentur "Xinhua" vorgefertigte Artikel unverändert abdrucken. Den Journalisten bleibt nur die Freiheit, diese Berichte
etwas weiter oben oder weiter unten auf ihren Seiten zu platzieren.
Mutige Chefredakteure und Reporter versuchen aber immer wieder, ihre Grenzen auszutesten, und riskieren dafür Rauswurf oder gar das Verbot
ihrer Zeitung. Das Wochenmagazin "Leben" ignorierte während der Sars-Krise 2003 die Anweisung der Propaganda-Abteilung, das Thema zu
umschiffen. Stattdessen feierte es den pensionierten Militärarzt Jiang Yanyong sogar mit einem Foto auf der Titelseite als Helden der Nation:
Der damals 72-Jährige hatte auf das wahre Ausmaß der Sars-Lungenkrankheit aufmerksam gemacht und so das Lügengebäude der
Regierung eingerissen.
Nachdem das Blatt mehrfach unerwünschte Themen angepackt hatte, mahnte die Partei im Jahr 2007 die verantwortlichen Redakteure ab und drohte,
das Blatt zu schließen. Nach dem internen Kontrollsystem, mit dem die KP mangelnde Linientreue bestraft, erhielt die Zeitschrift sechs
Minuspunkte auf einen Schlag. Wer zwölf Strafpunkte angesammelt hat, wird geschlossen.
Geeignet für: alle, die gerne auch einmal hinter Hochglanzfassaden blicken
Einschätzung: Informativer und aktueller Blick hinter den Bambusvorhang

Text © Anja Schmidt für DragonViews.com (2008)
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