Am Abend der Deutschlandpremiere von “Everlasting Regret” am 27.04.2006 in Hamburg plauderte DragonViews mit Duncan Pescod, Special Representative des “Hong Kong Economic and Trade Office” – der offiziellen Vertretung der Hongkonger Regierung bei der Europäischen Union und deren Mitgliedsstaaten – und Organisator des “Hong Kong Film Panoramas”, über dessen Entwicklung, die Beziehungen zum chinesischen Festland, aktuelle Themen der Hongkonger Filmszene und warum John Woos Hollywoodarbeit ideale Voraussetzungen für Hongkongs neue kreative Elite schafft.
DragonViews: Mr. Pescod, erzählen Sie uns bitte ein wenig über die Geschichte des “Hong Kong Film Panoramas”. Wie kam es zu der Idee?
Duncan Pescod: Dies ist das dritte Jahr, in dem wir das Film Panorama organisiert haben – nicht nur in Deutschland, sondern z.B. auch in Belgien und den Niederlanden. Wir versuchen es möglichst vielen Europäern zugänglich zu machen. Die Idee dabei ist, Hongkongs Stärken aufzuzeigen, und zwar ganz speziell eine Stärke, derer sich einige vielleicht gar nicht so bewusst sind: nämlich die Filmindustrie. Hongkong blickt auf eine außergewöhnliche Geschichte von Weltklasse-Produktionen zurück – insbesondere seit der Nachkriegszeit, der späten 40er, frühen 50er Jahre. Und wir denken einfach, dass diese Entwicklung eine internationale Bühne verdient.
DragonViews: Wie Sie gerade erzählt haben, läuft das Film Panorama im dritten Jahr – bisher mit großem Publikumszuspruch. Woher kommt der Erfolg?
Duncan Pescod: Nun, ich denke er basiert ganz einfach auf der Möglichkeit, die Filme sehen zu können. Aber es ist sicherlich auch die Kombination der gezeigten Filme: die Mischung aus modernen Filmen, die die neuesten Entwicklungen auf dem Markt aufzeigen, und Filmen, die wir als Klassiker betrachten. Filme, die der Zuschauer vielleicht früher schon einmal gesehen hat, oder vielleicht auch nicht. Und nun merkt er, dass Hongkong bereits vor 20, 25 Jahren qualitativ hochwertige Filme produziert hat. Das überrascht viele und macht die Veranstaltung sogar noch spannender. Wir zeigen nicht nur ein Genre, nicht eine Filmart: Wir haben Action, Liebesgeschichten und Komödien im Programm – gänzlich unterschiedliche Filme, und der Zuschauer kann so ein gutes Gespür dafür entwickeln, welche Arten von Produktionen in Hongkong entstehen.
DragonViews: Wie wurden die Filme ausgewählt? Welche Kriterien waren dafür maßgebend?
Duncan Pescod: Wir haben dabei mit dem “Hong Kong International Film Festival” zusammen gearbeitet. Da sitzen die Filmexperten, die wir gebeten haben, uns eine Liste mit Filmen zusammenzustellen, die passend für ein internationales Publikum wären. Auch wenn ich glaube, dass da natürlich immer ein bisschen persönliche Vorlieben mit hineinspielen, ist es wichtig, dass wir der Hongkonger Filmindustrie die Möglichkeit bieten, sich so auch selbst zu präsentieren. Und ihr damit natürlich auch die Gelegenheit geben, die neuesten Produktionen zu zeigen – der Film, der heute Abend gezeigt wird, kommt jetzt gerade erst ins Kino. [Everlasting Regret]
DragonViews: Heißt das, dass Sie und Ihr Team selbst nicht am Auswahlprozess beteiligt waren?
Duncan Pescod: Nun, wir haben mit dem “Hong Kong International Film Festival” eng zusammen gearbeitet. Die Auswahl der Filme war daher keine einseitige Entscheidung. Unser Team hat das Gespür dafür, was das europäische Publikum ansprechen könnte. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren gab es einige heftige Reaktionen auf einen sehr gewalttätigen Film. Also haben wir entschieden, dass diese Art von Film nicht so ganz zu einem europäischen Publikum passt. Dafür ist es noch nicht bereit. In Hongkong dagegen werden diese Filme eher von der komischen Seite betrachtet und nicht allzu ernst genommen – ich glaube nicht, dass der Europäer im Allgemeinen die gleiche Sichtweise hat. Und genau hier wird mein Team aktiv und liefert Anhaltspunkte, was für europäische Zuschauer relevant und ansprechend sein könnte.
DragonViews: Haben Sie selbst schon alle Filme gesehen?
Duncan Pescod: [*Lacht] Oh nein, ich bin erst seit wenigen Wochen hier…
DragonViews: Ich hatte gedacht, vielleicht im Rahmen des Organisationsprozesses…
Duncan Pescod: Nein, aber ich freue mich wirklich sehr darauf sie zu sehen.
DragonViews: Irgendwelche Vorlieben?
Duncan Pescod: [*Lacht] Oh, Komödien. Absolut. Die könnte ich jeden Tag gucken – unabhängig von Sprache oder Herkunftsland – definitiv Komödien.
DragonViews: Kung-Fu-Klassiker oder doch lieber etwas ganz Modernes?
Duncan Pescod: Das Schöne an Hongkong-Filmen ist, dass selbst die ernsthaften Blockbuster immer recht viele komödiantische Elemente aufweisen. Es gibt sehr viel Slapstick, vor allem in Kung-Fu-Filmen. Die frühen Bruce Lee Filme, zum Beispiel, basierten einerseits sehr auf körperlich anstrengenden Kampfszenen, andererseits enthielten sie aber auch immer humoristische Einlagen. Und ich glaube, dass es das ist, was die Filme für ein internationales Publikum so attraktiv macht: Es geht nicht nur ums Kämpfen – Storyline und Humor spielen ebenso eine große Rolle.
DragonViews: Lassen Sie uns nun etwas über die Beziehungen zwischen Hongkong und dem chinesischen Festland sprechen. Inwieweit hat die Übergabe Hongkongs an China 1997 die Filmindustrie beeinflusst? Sind die Beziehungen zur Filmindustrie des Festlands intensiver geworden?
Duncan Pescod: Natürlich, aber es gab schon immer starke Bindungen zur Filmindustrie dort. Seit den 1950ern sind viele Filmemacher aus China nach Hongkong gekommen: Sie wurden chinesisch ausgebildet, wurden mit der chinesischen Filmindustrie groß, daher gibt es viele, die sich diese Bande bewahrt haben – manchmal mehr, manchmal etwas weniger. Der entscheidende Faktor jetzt ist natürlich, dass China ein enormes Marktabsatzpotenzial für Hongkonger Produktionen besitzt – aber nicht nur China an sich, sondern auch Auslandschinesen weltweit. In den Vereinigten Staaten, Australien, Kanada und Europa gibt es massenhaft Menschen, die sich für chinesische Filme interessieren. Daher muss man Hongkong auch als Brücke zwischen China und dem Rest der Welt betrachten. Das gilt für Handel und Gewerbe, als auch für die Künste – wie zum Beispiel den Film.
DragonViews: Aber beinhaltet das nicht auch Probleme, wie z.B. den lokalen Wettbewerb mit der Shanghaier Filmindustrie?
Duncan Pescod: Wettbewerb ist gesund! Hongkong wurde auf Wettbewerb begründet! Deshalb existieren wir überhaupt: Wir sind eine freie Marktwirtschaft. Wir wachsen mit dem Wettbewerb! Das Gute an Wettbewerb ist, dass, wenn Einer etwas entwickelt, ein Anderer dies weiterentwickeln kann. Jemand Anderes wiederum könnte dabei vollkommen neue Richtungen einschlagen. Das ist das Wunderbare an Wettbewerb. Das Interessante jedoch ist, und das sollte man bedenken, dass es einen fundamentalen Unterschied gibt zwischen der Einstellung Chinas gegenüber Kunst und Kultur – und Redefreiheit – und der Hongkongs. Und daher gibt es in China natürlich andere Richtlinien als in Hongkong. In Hongkong wird die Entscheidung für oder gegen die Produktion und Aufführung eines Films schlussendlich marktorientiert getroffen. In China sind andere Überlegungen ausschlaggebend. Darum besitzt Hongkong einen besonders wichtigen Stellenwert innerhalb der chinesischen Kunstszene.
DragonViews: Gibt es aktuelle Trends, lokale Themen vielleicht, die von den Regisseuren aufgegriffen werden?
Duncan Pescod: Oh ja, es gab in letzter Zeit recht viele Filme, die sich mit Triaden, der Polizei und Korruption beschäftigt haben…
DragonViews: Wie zum Beispiel “Infernal Affairs”…
Duncan Pescod: Ganz genau. Da gibt es so einige aktuelle Themen momentan. Die Filme reflektieren das, worüber sich die Gesellschaft Gedanken macht – Korruption zum Beispiel – auch wenn das in Hongkong nur ein sehr kleines Problem darstellt. Aber es gibt Bedenken darüber, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Und die Filmindustrie spiegelt diese Sorgen wider. Das ist nur natürlich.
DragonViews: Gibt es das Thema der “Identitätssuche” – einem Weg zwischen China und dem Westen – oder ist Hongkong so in sich gefestigt, dass das kein Thema ist?
Duncan Pescod: Da gibt es verschiedene Betrachtungsweisen. Die eine ist die Hongkongs: Hongkong ist sich sehr klar über seine Identität und sehr stolz auf das, was es erreicht hat. Und ehrlich gesagt haben wir überhaupt kein Problem damit, uns selbst zu definieren oder wie unsere Beziehung zu China aussieht.
Die Filmindustrie an sich ist sehr stark entwickelt – ein sehr lebendiger Teil unserer Gesellschaft, der damit ebenfalls keine Probleme hat. Und Hongkongs Filmindustrie ist tatsächlich mittlerweile so erfolgreich, dass es bereits Einflüsse auf den internationalen Markt hat. Man schaue sich nur einmal die Filme von John Woo an. Er verwendet hauptsächlich einen in Hongkong sehr prominenten Regiestil und hat es damit sogar bis nach Hollywood gebracht.
Indische Filmemacher kommen zu uns aus Bollywood und wollen weg von dem Tanz- und Gesangsstil, der in indischen Filmen derzeit noch so präsent ist. Sie zeigen besonders großes Interesse dafür, wie Hongkong Martial-Arts-Filme realisiert. Diesen Stil wollen sie dann zuhause in heimische Produktionen einfließen lassen. Unsere Filmtechniker sind in einigen Bereichen weltweit führend…
DragonViews: Wenn allerdings etablierte Figuren der Hongkonger Filmindustrie, wie zum Beispiel John Woo, ins Ausland gehen, verlieren Sie dann nicht die Stützpfeiler, die das Hauptpotenzial der Hongkonger Filmszene ausmachen?
Duncan Pescod: Das Gute an Hongkong ist, dass wenn eine Lücke entsteht, diese sofort von jemand Anderem gefüllt wird. Wir haben einige wunderbare neue Talente, die den Markt erobern wollen und bisher nicht auf dem internationalen Parkett vertreten sind. Und wenn Persönlichkeiten wie John Woo nicht beiseite treten und ihnen damit die Gelegenheit zum Erfolg bieten, wie sollen sie dann ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen? Das ist ein natürlicher und gesunder Bestandteil jeder freien Marktwirtschaft: Menschen gehen, dafür kommen Neue. Und die kommen nicht nur aus Hongkong. Sie kommen auch immer noch vom Festland und sogar aus Taiwan. Sie suchen in Hongkong eine Bühne, um ihre Fähigkeiten zu demonstrieren. Und die wird ihnen wahrhaftig geboten: Wir haben internationale Award-Shows; wir sind allgemein anerkannt; unsere Filme konkurrieren mit internationalen Beiträgen auf Filmfesten in den U.S.A., Kanada und Europa – das ist Qualität. Und dabei sind es die jüngsten Talente, die hier den Erfolg tragen: die jungen Regisseure, Produzenten, Schauspieler, Techniker, dazu noch die Leute, die für Produktion und Post-Produktion zuständig sind. Ein weiterer Bereich, in dem Hongkong große Erfolge feiert, ist die digitale Fotografie für computeranimierte Zeichentrickfilme. Wir haben großartige Leute vor Ort, die in diesem Bereich Weltspitze sind. Hierbei arbeiten wir mit den großen Studios in Hollywood, wie zum Beispiel Disney, zusammen, die ihre Filme dann in neuem Stil in Hongkong produzieren lassen. Und das alles ist nur möglich, weil etablierte Künstler das Land verlassen und dem Nachwuchs Platz machen.
DragonViews: Was erhoffen Sie sich vom “Hong Kong Film Panorama”? Was soll der Zuschauer mit nach Hause nehmen?
Duncan Pescod: Ich hoffe nur, dass die Zuschauer Spaß an den Filmen haben. Sie sollen sich einfach unterhalten lassen. Und wenn das der Fall ist und sie zusätzlich noch etwas über Hongkong lernen, wäre das schön. Aber grundsätzlich geht es darum, sich zu amüsieren – ich werde das sicherlich tun.
DragonViews: Danke für das Gespräch.
Text © Anja Schmidt für DragonViews.com (2006)