
Es ist ein kleines Wunder: Jamal, ein Junge aus den Slums von Mumbai, ist Kandidat bei “Wer wird Millionär” und steht davor, die 20-Millionen-Rupien-Frage zu beantworten. Da kommt natürlich die Frage auf, ob da alles mit rechten Dingen zugegangen ist und vor dem großen Finale wird Jamal auf der Polizeiwache ausgiebig verhört. Doch Jamal betrügt nicht. Er kannte bislang alle Antworten, weil sie in irgendeiner Weise tragisch mit seiner Lebensgeschichte verbunden sind. Nun steht Jamal vor der Chance seines Lebens – der Chai-Holer kann zum Millionär werden. Das Geld interessiert Jamal allerdings nicht. Er will nur so lange wie möglich in der Show bleiben, damit ihn seine verschwundene Liebe Latika wiederfindet…
“Slumdog Millionär” war international ein Überraschungshit an den Kinokassen und mit acht Academy Awards (u.a. Bester Film) und zahlreichen anderen Preisen, der Abräumer dieses Jahres – obwohl der Film in Indien zunächst nicht viel Beachtung erhielt. Aber das ist auch kein Wunder. Liebt man dort doch aufwändig gestaltete Farb- und Gesangsepen, die die Zuschauer in Traumwelten locken, nicht die Wirklichkeit präsentieren. “Slumdog Millionär” basiert auf der literarischen Vorlage “Q & A” von Vikas Swarup und erzählt eine große Liebesgeschichte, die sich inmitten des geschäftigen Mumbais mit all seinen Gegensätzen abspielt. Danny Boyle (“Trainspotting”, “The Beach”) vereint hier High-Tech-Entwicklung mit Slumelend, einen multikulturellen Hotspot mit der Sehnsucht nach Familie und Geborgenheit. Dabei bleibt Boyle teils enger an der Realität, als sich zunächst vermuten ließe. Die jüngsten Hauptdarsteller stammen tatsächlich aus einem Mumbaier Slum und, entgegen großer Versprechungen, blieben sie auch nach dem Dreh erst einmal dort. Ihre Viertel wurden für den Bau von Luxuswohnungen abgerissen und sie saßen auf der Straße. Erst nachdem der Film bei den Oskars absahnte und diese unschöne Entwicklung zur Sprache kam, gab es erneut Hilfsbekundungen. Schade, dass es erst acht Oskars benötigt, um seine Versprechungen einzulösen…
Mit 15 Millionen Dollar war “Slumdog Millionär” eine “Billigproduktion” und hat inzwischen längst das Zehnfache wieder eingespielt. Die Geschichte ist ein typischer Mix aus Holly- und Bollywood-Elementen: Zwei unterschiedliche Brüder kämpfen ums Überleben und einer von ihnen gewinnt das Herz der holden Maid, die von einem Schurken entführt wird. Der verliebte Underdog übersteht alle Widrigkeiten und bekommt schließlich die große Chance, seine große Liebe zu finden – und nebenbei auch noch Millionär zu werden (Rupien-Millionär zumindest). Alle sind gegen ihn und dennoch schafft er das Unmögliche – im Prinzip etwas kitschig, aber sooo schön anzusehen und mitzufiebern. Wenn Jamal bei einer Frage in seine Vergangenheit blickt, erschließen sich die Antworten auf logische Weise und vermitteln dem Zuschauer sogar noch ein paar Einblicke in das moderne Indien – wenn auch nur teilweise, da hier natürlich auch Schlagworte und Klischees fallen. Die Charaktere, ob als Kind oder Erwachsene, überzeugen mit Gefühl und Frische. Die Mischung aus pulsierender Metropole, einfühlsamem Drama und brillanten, intensiven Bildern funktioniert für diesen kleinen englischen Film ausgezeichnet und wird auch so manchen Indienfilmhasser gnädig stimmen. Nur am Schluss gibt es eine kleine Tanzeinlage – als I-Pünktchen und vielleicht ein Gruß in Richtung Bollywood, dessen Klischeestil Boyle in “Slumdog Millionär” tunlichst meidet. Klasse Film, klasse Darsteller – wirklich sehenswert.
Trivia: Die indische Version von “Wer wird Millionär” wird seit 2007 von Bollywood-Megastar Shahrukh Khan moderiert – davor hat u.a. Filmlegende Amitabh Bachchan das Geld unters Volk gebracht.
Geeignet für: alle in und jenseits der Bollywooddonnerkuppel
Einschätzung: Auf den Punkt gespieltes und ins Detail gut inszeniertes Indiendrama um die große Liebe und das Schicksal
Rating: 



Regie: Danny BOYLE
Quelle
* © (Zitate/Cover/Screenshots/Scans)
* Label: Prokino
* OT: Slumdog Millionaire
* Jahr: 2008
* Länge: ca. 120 Min.
Infos
* Genre: Drama, Romance
* Alter: ab ca. 12 Jahre
Darsteller
* Jamal K. Malik: Dev Patel
* Prem Kumar: Anil Kapoor
* Sergeant Srinivas: Saurabh Shukla
* Latika: Freida Pinto