88 – Pilgern auf Japanisch


88 Tempel auf 1.300 Kilometern muss ein Pilger besuchen, wenn er sich sieben Wochen lang, einmal rund um die japanische Insel Shikoku, auf den Weg macht, um Erleuchtung zu erlangen. Nun haben vor allem Japaner wenig Zeit und ziehen die Pilgerreise als Pauschalangebot mit dem Bus vor. Gerald Koll hat als einer der wenigen Ausländer dennoch die abenteuerliche Reise gewagt -zu Fuß, mit Kamera und ohne Japanischkenntnisse. Sein filmisches Pilgertagebuch führt ihn aber nicht nur zu 88 Tempeln, sondern auch in die Irre und natürlich auch zu sehr persönlichen Erkenntnissen. Und während Koll zum Pilger wird, lernt er Grundzüge einer Kultur, die uns immer noch fremd und faszinierend erscheint. Am Ende steht ein Buch voll mit Stempeln und Kalligraphien -und die ewige Frage: Was ist “Henro boke”?

Typen gibt’s, die sind zu gut, um wahr zu sein. Und Gerald Koll ist “ne echte Type”. Authentisch, sympathisch und manchmal nachdenklich nimmt er den Zuschauer mit auf eine Reise der besonderen Art. Doch eigentlich ist sie gar nicht so absonderlich. Koll erzählt in seinem Pilgertagebuch eben, was ihm so auf der Reise in den Sinn kommt -ohne Hemmungen, über ekliges Essen, merkwürdige Sitten und halbamouröse Abenteuer. Besonders liebenswert und höchst amüsant wirkt das, weil man vieles vielleicht schon von eigenen Touren um die Welt kennt. Man steht staunend vor High-Tech-Toiletten, versucht sich mit Händen und Füßen -vergebens – zu verständigen, filmt Raupen und Hunde und verläuft sich andauernd. Wenn dann auch noch äußerst unerwartete Kommentare solche Szenen schmücken, kann das extrem unterhaltsam werden. Und Gerald Koll hat manchmal schon eine spezielle Art, sich auszudrücken -auch wenn seine Schlussfolgerungen durchaus treffend sind und er dem Zuschauer neben einem Bewusstseinsstrom, auch immer wieder kleine Hintergrundinformationen zuspielt. Da Koll auf dieser Reise nicht nur als Pilger, sondern auch als Kameramann unterwegs war, sind die Szenen oft verwackelt, man sieht nur Schuhe oder düsteres Schummerlicht -nichts für Filmspezis also. Wenn einem bei solchen Szenen allerdings nicht schwindelig wird, so vermitteln sie einen gewissen natürlichen Blickwinkel. Dies in Kombination mit gezielt gestellten Szenen, passt eigentlich ganz gut zum Konzept, das inhaltlich eine Mischung aus selbstironischem Reisetagebuch und verwundertem Selbsterfahrungstrip darstellt. Ein kleiner, aber lohnender Film über sock machines, “dummy” Pilger und eine Toteninsel. Klasse.

Geeignet für: alle, die sich selbst schon immer gefragt haben, was man da unterwegs eigentlich treibt und warum man es dennoch weiter tut…

Einschätzung: Erfrischend authentisch und sympathisch

Rating: ★★★½☆ 

Regie: Gerald KOLL

© Quelle
Label: Salzgeber
Jahr: 2008
Länge: ca. 88 Minuten
Web: www.88-pilgern-auf-japanisch.de
Infos zum Film
Titel: 99 – Pilgern auf Japanisch
Regie: Gerald Koll
Kategorie: Filmkritik / Japan
Genre: Dokumentation
Alter: ab ca. 12 Jahre
Darsteller
Gerald Koll
Fujikawa Hideo
Yusaku Hira
Sato Makoto

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