Kleines Wörterbuch für Liebende

Zhuang wird von ihren Eltern nach London geschickt, um Englisch zu lernen. Danach soll sie mit ihren Kenntnissen die elterliche Schuhfabrik am internationalen Markt etablieren. Das fremde Land macht Zhuang jedoch Angst und auch die Sprache birgt so einige Schwierigkeiten. Die englische Kultur ist der Chinesin ein einziges Rätsel, sodass sie anfängt ein kleines Notizbuch zu führen, das ihr einziger Gefährte auf dieser Entdeckungsreise ist. Doch dann begegnet Zhuang einem Mann und lernt die Liebe kennen. Die Sprachreise der Chinesin wird ihr Leben und Denken für immer verändern…

Guo Xiaolu (“Stadt der Steine”) wählt in “Kleines Wörterbuch für Liebende” eine ungewöhnliche Form: Sie lässt ihre chinesische Protagonistin ein Notizbuch führen, das die einzelnen Stationen ihrer Reise beschreibt und dies stets auf Englisch mit Akzent. Dieser klingt dann auch recht künstlich und zu regelmäßig, zu geplant, aber der Leser gewöhnt sich schnell an die Schreibweise und lässt hier Fünfe mal gerade sein -auch bei dem klischeehaften Versuch von Zhuang das R auszusprechen. Jede neue Episode beginnt mit einem Auszug aus Zhuangs Wörterbuch, erläutert Wörter und setzt so den thematischen Schwerpunkt. Leider kommen gewisse Unterschiede hier nicht ganz raus, da durch die deutsche Übersetzung manchmal erst später klar wird, worum es hier geht. Offen, frei von der Leber weg, amüsant und manchmal auch etwas trocken beschreibt Zhuang kulturelle Unterschiede, macht erfrischende Vergleiche mit ihrer Heimat und gelangt dabei auch zu nahezu schon fast weisen Einsichten. Auch ihr Heimatland muss dabei schon einmal Federn lassen. “Kleines Wörterbuch für Liebende” ist lediglich am Ende etwas fad, da es zu vorhersehbar ist. Insgesamt ist der Roman aber überraschend unkitschig und humorvoll und verlässt sich dabei nicht selten auf die Erfahrungen, die die meisten Reisenden in einem fremden Land machen und sich somit hier stellenweise wiederfinden. Ein klares Ja fürs heimische Bücherregal.

Zimmer riechen alt und faulig. Plötzlich auch meine Körper sich fühlen alt. “Engländer haben, anders als wir, Respekt vor Geschichte”, sagen früher meine Lehrer in Schule zu uns. Richtig. Heutzutage in China keine Gehäuse älter als zehn Jahre, und alle bereits alt genug um abzureißen.

Alle marschieren zu Hyde Park, und ich bin mitten in Menge. Weil ich nicht finde Weg zu Hotel, ich muss auch dämonstrieren. Ich suche chinesische Gesicht in diese Menge. Sehr wenig. Vielleicht Chinesen hier haben keine Zeit, weil sie müssen hart arbeiten und Geld verdienen in chinesische Schnellimbiss.

Ich ziehe große handgemachte Chinakoffer durch Tür von Hostel, und zweite Rad fallen ab. (Erste Rad schon abfallen, als ich Koffer heben von Gepäckband.) Typische Koffer, wie machen alle Fabriken in meine Heimatstadt Wenzhou. [...] Große Fabriken exportieren Produkte in ganze Welt, auch meine Eltern kriegen Bestellungen aus Japan, Singapur und Israel. Und dann nur eine Überseereise, und ich verliere alle Rads. Nie wieder ich kaufen Produkte aus meine Heimatstadt, ich schwöre.

Geeignet für: genervte Reisende und passionierte Tagebuchführer

Einschätzung: Amüsantes Reisetagebuch voller Missverständnisse und großer Erkenntnisse

Rating: ★★★½☆ 

Autor/in: GUO Xiaolu

© Quelle
Verlag: Knaus
Ausgabe: Hardcover
Jahr: 2008
ISBN: 978 3 8135 0304 3
Auszug: S. 21/37/20

Infos zum Buch
Titel: Kleines Wörterbuch für Liebende
Autor/in: Guo Xiaolu
Genre: Belletristik / Roman
Thema: Gesellschaft / Sprache
Kategorie: Buchkritik / China
 

Auch interessant:

  1. Die Stadt der Katzen
  2. Ein schlechter Scherz
  3. Dem Volke dienen
  4. Die Perle des Kaisers
  5. Die Räuber vom Liang Schan Moor
  6. Die Knoblauchrevolte
  7. Die Konkubinenwirtschaft
  8. Mao: Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>