"Vital"
TSUKAMOTO Shinya
Inhalt
Der junge Takagi hat nach einem Autounfall sein Gedächtnis verloren. Seine Eltern sind erschüttert, doch ein Gutes hat die Sache: Vor dem Unglück hatte Sohnemann eigentlich vor, sein Medizinstudium an den Nagel zu hängen, jetzt aber ist er wieder fasziniert von der menschlichen Anatomie und schreibt sich erneut an der Uni ein. Nach einiger Zeit erfolgreichen Studierens landet jedoch eines Tages eine weibliche Leiche auf Takagis Seziertisch, die dem schweigsamen Eigenbrödler bekannt vorkommt: Es ist der Körper seiner Ex-Freundin Ryoko, die damals bei dem Autounfall ums Leben kam. Daraufhin gleitet Takagi immer mehr in eine Traumwelt ab, in der er mit Ryoko idyllische Stunden verbringt…
Kommentar
Es ist immer wieder unglaublich, wie lang 86 Minuten sein können. Nach einem viel versprechenden Anfang mit kühlen, streng durchkomponierten Bildern und melancholischer Stimmung versinkt "Vital" bald in zäher Langeweile. Tsukamoto will offensichtlich eine Meditation über Leben und Tod, das menschliche Bewusstsein, Vergänglichkeit und die Macht der Erinnerungen schaffen. Was ist realer: Der graue Alltag oder die idyllischen Träume, in die Takagi sich flüchtet? Dabei erscheint der Alltag hier als von Verlust und Schweigen geprägt – eine düstere Betonwelt, in der auch Sex nur mit Mechanik und Gewalt assoziiert wird. Die Menschen erscheinen in feste Rollen gepresst, unfähig, aus ihren Käfigen auszubrechen. Dementsprechend symmetrisch sind die Figuren in den statischen Einstellungen des Films auch angeordnet. Nur in der Traumwelt Takagis ist Kommunikation möglich, herrschen helle, lichte Farben, ist Tanz, Ausgelassenheit an der Tagesordnung, und die Charaktere haben leidenschaftlichen, harmonischen Sex in der freien Natur. Das ist alles schön und gut, nur reicht solch ein plakativer Ansatz einfach nicht für einen abendfüllenden Spielfilm. Und dass Takagi sich irgendwann von Ryoko lösen und sein "reales" Leben weiterführen muss, ist sowieso eine pädagogische Binsenweisheit. Schade. Vom Regisseur von "Tetsuo" und "A Snake Of June" hätte man bei solch einem Thema mehr Intensität und Fantasie erwartet.
Geeignet für: schweigsame Naturliebhaber
Einschätzung: Zäher Selbstfindungstrip

Text © Anne Herskind für DragonViews.com (2006)
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